[HAI:P] TEXT AWARD

[HAI:P] TEXT AWARD

Das Debüt [HAI:P] TEXT AWARD fand unter dem gleichnamigen Ausstellungstitel [HAI:P] vom 06.12.13 bis 22.01.14 in der Hessischen Landeshauptstadt Wiesbaden statt.

Präsentation Award 2013

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Der [HAI:P] TEXT AWARD 2013

wurde am 06.12.2013 verliehen an die Kunsthistorikerin und Publizistin Charlotte Lindenberg.

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[HAI:P] TEXT AWARD 2014____________________________________________

Das Ausstellungsprojekt [HAI:P] findet in Galerien und Kunstinstitutionen statt. Zur jeweiligen Ausstellungsdauer haben Publizisten die Möglichkeit die Show zu begehen und bis spätestens sieben Tagen nach Ausstellungsende eine Rezension zu vefassen und an KAISER&CREAM einzusenden. Die Eingänge werden gesammelt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Jeweils Ende November tagt die Jury, bestehend aus einem Vertreter von KAISER&CREAM und einem Vertreter des jeweiligen Ausstellungsortes. Die [HAI:P] TEXT AWARD Verleihung findet Anfang Dezember 2014 statt.

Ablauf für die Teilnehmerschaft zu [HAI:P] TEXT AWARD 2014:

1.

Die Anmeldung als Publizist zum [HAI:P] TEXT AWARD erfolgt unter: haip@kaiser-cream.com.  Über die Zulassung entscheidet das KAISER&CREAM.

2.

Die Vorbesichtigung des jeweiligen Projektes und der Exponate findet innerhalb der Ausstellungsdauer statt.

3.

Die Teilnehmer werden anschließend einen einseitigen Text  (DIN A4, HELVETICA, 10 Punkt) verfassen, der spätestens sieben Tage nach einer Ausstellung via Email eingesendet sein muss.

4.

Mit der Einsendung der Texte erklärt sich der Verfasser damit einverstanden, dass die Texte zu Kommunikations- und Ausstellungszwecken kostenfrei und auf unbestimmte Zeit (bei Nennung des Autors) bereit gestellt werden und öffentlich zugänglich sind.

5.

Die Jury tagt in der letzten Novemberwoche eines Jahres. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Die feierliche Preisübergabe [HAI:P] TEXT AWARD erfolgt in der ersten Dezemberwoche des jeweiligen Jahres.

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Preisträger [HAI:P] TEXT AWARD 2013

Preisträger [HAI:P] TEXT AWARD 2013

Der [HAI:P] TEXT AWARD 2013 wurde am 06.12.2013 verliehen an die Kunsthistorikerin und Publizistin Charlotte Lindenberg.

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Charlotte Lindenberg wurde durch die Rezension UNTER GEIERN ausgezeichnet:

(Langversion des eingereichten Textes)

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UNTER GEIERN

Person planscht. Links rum, rechts rum, Kopf hoch, Kopf runter – so übermütig wie überflüssig. Angesichts des zugleich energischen wie enervierenden Wasserballetts beschleichen uns Spekulationen hinsichtlich der Sinnlosigkeit allen Strebens, wie sie sonst nur der Anblick der Biene auslöst, die sich emsig müht, durch eine Fensterscheibe zu entweichen - unter geflissentlicher Nichtachtung der nur Zentimeter entfernten geöffneten Balkontür. Merkt die Kleine Meerjungfrau denn nicht, dass an einer Seite des sie umgebenden Jochs eine Öffnung gähnt? Möge sie endlich ihr fruchtloses Zappeln beenden und sich frei schwimmen – in die Weite.

Weite? Oder in die Rachen derer, die jenseits des anti-kompetitiven Schutzwalls genau darauf warten? Marck lässt uns im Unklaren, in welchen Gewässern die Nicht-Schwimmerin herum turnt, aber der Ausstellungstitel lässt nichts Gutes ahnen. Sollte die Einzel- Schutzhaft, die Zwangsjacke Haifischbeckensicherheitskleidung sein?


Die Erinnerung an die eine Hälfte des Konzepts transformiert das Goldfisch- zum Panzerglas, und die Gefangene zur Behüteten – ganz so, wie Miroslav Wiedermanns Aus- zur Ernüchterungszelle wird, haben wir erst einmal den Einschluss des Insassen als Ausschluss der Öffentlichkeit erkannt. Eben noch Inbegriff der Freiheitsberaubung, verwandeln sich sich Stahlgitter in Selbstverteidigung, die erzwungene Beschränkung in erlaubte Konzentration, Entzug in Befreiung. Die Reduktion der Ausstattung auf grundlegende Mittel der Produktion und Reproduktion – Aufnehmen, Umwandeln, Ausruhen - zeugt vom Willen zur Besinnung auf die eigene Kreativität, und die lebt vom Verzicht auf die auf Abstand gehaltene Fremdbestimmung – Nüchternheit statt Weißes Rauschen eben.


In Anlehnung an Rimbaud – und unzulässig pauschalisierend – ließe sich behaupten: Hype ist ein Anderer. *1 Nach dem bewährten Lotusglanz-, weil allseitig abperlendem Argument „ich war das nicht, das war schon so“ gibt es jede Menge Hype und niemand geht hin. Denn irgendwie will’s doch niemand gewesen sein. Derdiedas Gehypte schüttelt öffentlich den Kopf über derdiedas Gehypte, und seine ErzeugerInnen signalisieren nicht minder entrüstet Fassungslosigkeit über ihre Artverwandten. Hype entsteht gewissermaßen ganz mit ohne UrheberInnen - durch Jungfernzeugung.


Die diskrete Zurückhaltung findet ein jähes Ende, wenn Christine Straszewski Namen nennt – aktuelle Namen. Doch mit jedem Namedropping beginnt hörbar eine Uhr zu ticken, und was jetzt noch auf den T-Shirts und den Schirmen, ist schneller vom kollektiven Radar verschwunden als Artfacts refreshen kann. Enthusiasmierte Spitzenkräfte des globalen Kunstvertriebs führen handelsüblichs Dominanzgebaren auf, während ihr Kapital irgendwo zwischen Marie-Antoinette und Goyas Hund weniger wie Masters of the Universe als schlichtweg ratlos wirkt: Ein Supermodel des Rokoko und ein Pudel Seiner Majestät Gassi geführt von Endorphin getriebenen Angehörigen der Hochfinanz in Partystimmung - denn sie wissen nicht, was sie tun.
Wissen sie nicht? Wissen sie doch.


Das Bild vom wehrlosen Kulturproduzenten, gefangen und verdaut im Netz der vielbeschworenen IG Pensionierter Waffenhändler, zerbröselt in Deniz Alts Grablege der Göttlichkeiten unter dem Zahn der Zeit. Im feierlichen Glanz einer musealen Leuchte rollen sich uns vom Nebel der Jahrzehnte gedimmte Gesichter von feuchten Kellerwänden entgegen. Mitunter stark ramponierte Prachtrahmen erzählen von vergangener Größe. Wer die ihnen zugrunde liegenden Prominenten zu Lebzeiten kannte, erkennt ihr Konterfei auch trotz des durch Weichzeichnung visualisierten zeitlichen Abstandes. Wer hingegen nie ins Einzugsgebiet dieser Taktgeber der Unterhaltungsindustrie gehörte, sieht lediglich Schemen einer verlorenen Zeit.


Die golden verklärende Wärme der Laterne gerät im Nebenraum zum Dialog in der Twilight-Zone. Sebastian Mögelins sich mit Hilfe von Schwarzlicht aus dem Schatten schälender Tunichtgut spricht die Worte, die zu hören sich sehnt, wer schon immer Gegenstand des verwerflichen Hypes sein wollte – also alle: „Wir bringen dich ganz groß raus.“ Und das „täglich frisch“ - womit wir wieder bei der rapide alternden Aktualität wären. Dass Letztere unsere ach so schnelllebige Zeit nicht erfunden hat, wusste bereits Oscar Wilde, als er warnte, dass das Streben nach der chronologischen Pole Position das eigene Haltbarkeitsdatum verringert. 2*

Als Bremskraftverstärker im Hamsterrad fungiert Uwe Groß’ Noppenwelt. Wie Saugnäpfe klammern sich die so profilierten Handschuhe und Fingerhüte an ihr Opfer und verhindern sein Entgleiten – sei es aus den Augen, dem Sinn, der Erinnerung. Ob in zugreifender oder -packender Position, ob Daumen rauf oder Mitbewerber runter, garantieren die griffigen Haltestellen im Strom der Zeit ein Mindestmaß an Beständigkeit. Handware als Bremsklotz gegen den Zeitgeist.
Groß’ Plädoyer für eine Allgemeine Haftpflicht schließt die Paraphernalien des geselligen Beisammenseins ein: Zwischen Kelchen und Karaffen scheinen die Mover und Shaker der Kunstakademie auf – nebst den von ihnen Abgeschüttelten.


Bremsspuren erzeugt Silja Yvette mit dem Heißen Eisen – ja, genau: Ausgerechnet das, was niemand anfassen will, dient ihr zum Aus- besser Eindruck der einzigen Macht, die dem Endverbraucher bleibt. Denn wo das von ekstatischen Gesten und hochmotivierter Mimik flankierte YESSSSS als einzig legitime, weil so herrlich lebensbejahende Universalreaktion auf jegliche ‘Herausforderung’ zur Wahl steht, verheißt Bartlebys stetig an Popularität gewinnende Devise „I prefer not to“ den Notausstieg aus dem Mitspiel-Imperativ.


Apropos ‘Herausforderung’, ein Begriff, der das dem 20. Jh. noch geläufige, unschöne Wort ‘Problem’ ersetzt hat: Die jedem Milieu eigenen Sprachregelungen verdanken sich - hierzulande – weniger Redeverboten und anderen verfassungswidrigen Verstößen gegen die Meinungsfreiheit, als vielmehr der unverbindlichen Wortgewalt des wohltönenden Klangteppichs, dessen Mischung aus Unterhaltung und Bedeutungsoffenheit gern gehört, noch gerner überhört und garantiert konsequenzfrei ist – eine Entwaffnung, wie sie Yvettes in milchige Taubheit sinkender, weil nicht länger notwendiger Maulkorb veranschaulicht.
Mit der formalen Verwandtschaft zu Marcks frei flotierendem Korsett schließt sich der Kreis – bzw. eben das tut er nicht. Aber die optische Übereinstimmung ist ein Nebenaspekt. Ziel von Yvettes Bügeleisenmassaker durch die normierte Süße ist die Attacke auf das Sahnehäubchen – eine Metapher, die zur Anwendung kommt, wenn immer es gilt, Perfektion zu perfektionieren.


Und genau das ist es, was den Hype im Innersten zusammen hält: Die Think Big genannte Aufforderung, keinerlei Grenzen zu respektieren, alle Maßstäbe außer Kraft zu setzen, das Unmögliche zu realisieren, getreu dem pubertären Fußaufstampfen der 1980er Jahre: Wir wollen alles, und zwar sofort. Bei Christine Straszewski reimt sich das: „Rosa Brille ist dein Wille.“

Charlotte Lindenberg, 2013

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1„Je est un autre.” Arthur Rimbaud 1871.

2″Nothing is so dangerous as being too modern. One is apt to grow old-fashioned quite suddenly.” aus Ein idealer Gatte, 2. Akt

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Vita Charlotte Lindenberg

geboren 1966, Kunstpädagogin und Publizistin in Frankfurt a. M.

seit 2008 Texte für Galerien und KünstlerInnen

seit 2003 Leitung kunstgeschichtlicher Kurse, Exkursionen und Führungen, sowie Vorträge im Rahmen von Volkshochschulen und Kunstvereinen

seit 2002 Redaktion, Übersetzungen und Illustrationen für Zeitschriften

2001 – 2004 freie Mitarbeiterin für Tageszeitungen und Zeitschriften mit Schwerpunkt bildende Kunst

2001 Magistra Artium in Kunstpädagogik und Kunstgeschichte

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